




















Jetzt ist der Ausnahmekünstler aus der Hauptstadt auf Tour und schaute am Montag in der restlos ausverkauften Halle Münsterland vorbei. Die Erwartungen der Fans waren nicht gerade gering, schließlich ist Fox schon seit den „Seeed“-Tagen als ausgewiesene Rampensau bekannt.
Doch soviel vorweg: Enttäuscht wurde an diesem Abend niemand. Vor einem überdimensionalen LED-Bildschirm im Hintergrund brannten Fox und seine Mannschaft ein wahres musikalisches Feuerwerk ab. Das Orchester war leider zuhause geblieben, dafür hatte er die Drumline-Combo „Cold Steel“ im Gepäck, und die waren mit ihrer genialen Choreographie scheinbar angetreten, um dem Chef die Show zu stehlen.
Doch so einfach lässt sich der Stadtaffe nicht klein kriegen. Ob bei der Gänsehaut-Ballade „Ich Steine, du Steine“ oder der Dancefloor-Hymne „Schüttel deinen Speck“, Fox ist der Frontmann und hat die ganze Halle in der Hand. Na klar – wer kann diesen Typen nicht gut finden? Jede Pore atmet Coolness, tanzen kann er auch, und er sieht „besser aus als Bono“, wie es im Smash-Hit „Alles Neu“ augenzwinkernd heißt.
Besonderes Highlight? Schwer zu sagen, denn die 90-minütige Show ist ein einziger Höhepunkt. Oder wie nennt man das, wenn 12000 Hände synchron im Takt klatschen? Peter Fox setzt Maßstäbe, und Berlin sollte sich schon mal Gedanken über ein neues Wappentier machen: Es ist das Jahr des Affen!


Im Fernsehen lässt er Popstar-Träume wie Seifenblasen zerplatzen, doch selbst ist er schon längst zum Star geworden. „Mein Block“ machte ihn einem großen Publikum bekannt, sein Album „Ich und meine Maske“ erreichte dieses Jahr Platz eins der deutschen Albumcharts.





Dann folgt das Hauptprogramm: die Überflieger Huss’n’Hodn entern die Bühne und lösen Begeisterungsstürme aus. Mit ihrem Mix aus samplelastigen Boombap-Beats und den aufrichtig-unperfekten Battletexten haben sie wohl den Nerv der Zeit getroffen – die Fans feiern die überzeugende Bühnenshow der Kölner ausgiebig.

Scheißegal-Haltung, konsequente Selbstironie und Traditionsbewusstsein vereinen sich zu einem Ganzen, das sich erfrischend absetzt vom protzigen Einheitsbrei der Rapkollegen. Ausgedehnte Freestyleparts untermauern den Eindruck: Die Jungs gehören zu den Guten.

Genau wie Ruhrpott-Veteran Aphroe, der im Palace schon so etwas wie eine zweite Heimat gefunden hat und das Zepter von Huss’n’Hodn übernimmt. Probleme, die Leute mitzureißen, hatte der Bochumer noch nie - vom ersten Takt an hat er die Fans auf seiner Seite. Zusammen mit Rheza und DJ Rafik liefert der sichtlich gut aufgelegte Aphroe ein Programm ab, das keine Fragen offen lässt.
Dann wird es Zeit für den Höhepunkt des Abends: „Martin Jekyll, Christian Hyde, Stieber Twins!“ schallt es aus den Boxen, und es fühlt sich an wie nach Hause kommen. Man könnte meinen, dass sie neun Jahre nach ihrer letzten Single jede Relevanz verloren hätten, doch das Publikum liefert den eindrucksvollen Gegenbeweis. Wie die verlorenen Söhne werden die Zwillinge gefeiert, Special Guest Cora E. macht das Heidelberger Triumvirat komplett.

Damals standen die drei an der Wiege des deutschen Hiphop, leisteten mit ihrer Musik Pioniersarbeit; heute Abend tragen sie die Früchte ihrer Arbeit davon. 1000 begeisterte Fans, die sich auf ihre Weise bedanken: Euphorisiert, gerührt und mit dem Bewusstsein, Zeuge eines großen Momentes zu sein. Ein einzigartiger Abend, an den man sich noch lange erinnern wird.
Manchmal ist es das Cover einer CD, die das Interesse des Musikliebhabers weckt. In einer unüberschaubaren Flut an Neuveröffentlichungen ist das Visuelle oft der erste Schlüsselreiz. Die Band Fleet Foxes, wie auch Iron&Wine (s.u.) bei SubPop unter Vertrag, hat das Prinzip verstanden: das Cover ihres Debut-Albums ziert ein Gemälde des flämischen Renaissance-Malers Pieter Brueghel aus dem Jahr 1559, „Die Niederländischen Sprichworte“. Was für Musik mag dahinter stecken? Neugierige Hörer werden auch in der Musik eine Art Renaissance entdecken: das Quartett aus Seattle liefert auf dem schlicht Fleet Foxes betitelten Album eine erstklassige Neuauflage des in den späten 60er Jahren so populären Folk-Rock. Damals vor allem durch Interpreten wie Simon&Garfunkel und Crosby, Stills, Nash & Young groß geworden, führt diese Musik im 21. Jahrhundert eher ein Schattendasein. Fleet Foxes gelingt eine erfrischende Neuauflage des vergessenen Genres, die kein Plagiat sein will, sich gleichzeitig aber in Gesang, Instrumentierung und Songwriting deutlich an die alten Vorbilder anlehnt. Die Musik bewegt sich irgendwo zwischen Shins, Sufjan Stevens und Band Of Horses, der Ansatz ist jedoch konsequenter: Schellenkranz, Orgel und Querflöte, mehrstimmige hymnische Arrangements und viel Hall verleihen den wundervollen Stücken eine kristallklare, himmelblaue Weite. Nostalgie, Sehnsucht und ein selbstbewusstes Bekenntnis zur Schönheit der Musik ziehen sich als roter Faden durch das Album, ohne auch nur ein einziges Mal aufgesetzt oder deplaziert zu wirken. Das ist das große Verdienst dieser herausragenden Platte.

Unter dem Namen Iron & Wine erschien 2007 das dritte Album des Songwriters Sam Beam aus Florida, „The Shepherd’s Dog“. Eine Platte, die im Vergleich zu früheren Veröffentlichungen reich instrumentalisiert ist, vielschichtiger und deshalb auch schwerer zu fassen. Skizzieren lässt sich Beam am ehesten als Singer-Songwriter und Neo-Folk-Pionier. Aber gegen zu einfache Kategorisierungen wehrt sich das Album erfolgreich. Äußerst verschroben kommen die Stücke daher, mal countryesk, mal reduziert perkussiv, mal vielschichtig opulent. Eine Vielzahl von Instrumenten setzt Beams Visionen in Klang um, es wabert psychedelisch umher, lange Instrumentalpassagen laden zum Verweilen und Sich-treiben-lassen ein. Immer wieder ein satter Kontrabass, Banjos, Slide-Gitarren und Streicher; Orgeln und sogar eine Sitar tauchen auf und ab, werden beinah unmerklich in den dicht verwobenen Klangteppich integriert. Träumerischer Gesang und wunderschöne Melodien treffen auf geheimnisvoll in sich gekehrte Arrangements. So vielschichtig sich Beam hier auch präsentiert, gemeinsam ist den Stücken eine große Ruhe. Ohne Hast leitet er durch das Album, vorbei an ein paar wahren musikalischen Kleinoden und vielen ruhigen Momenten. Ein rätselhaft-versponnenes Werk, dessen Größe sich erst nach mehrmaligem Hören erschließt.

Seine Stücke sind nachdenklich, die bildlichen Texte repräsentativ für die Generation der Mittzwanziger, die sich zwischen zielloser Getriebenheit, dem Leben im Hier und Jetzt und einer vagen Melancholie bewegt. Es geht um Trostlosigkeit, Langeweile, Freiheitsdrang und der Suche nach einem Halt im Leben. Der Taumel des Lebens und das Herauszögern des Momentes, an dem es ernst wird und alle Unbekümmertheit verfliegt – davon handeln seine Lieder. Ein Lebensgefühl in Musik verpackt. Das ist alles nichts neues, aber nett anzuhören.
